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Auf dem Stadtplan gibt es Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow, Neukölln oder Tempelhof-Schöneberg.
Im Berliner Alltag ist die Stadt oft viel kleiner.
Da geht es um die Oranienstraße, den Kollwitzplatz, den Boxhagener Platz, den Nollendorfplatz oder das Maybachufer. Um wenige Straßen, die sich nach Zuhause anfühlen.
Genau das ist der Kiez.
Und kaum irgendwo lässt sich die Geschichte Berlins besser erzählen als an diesen kleinen Stadtwelten.
Berlin verändert sich ständig. Der Kiez merkt es meistens zuerst.
Die Mauer machte den Südosten Kreuzbergs zu einer Randlage. Günstige Altbauten und vernachlässigte Häuser zogen Menschen an, die anders leben wollten. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde SO36 zu einem Zentrum der West-Berliner Alternativbewegung, Hausbesetzerszene und Subkultur.
Jahrzehntelang endeten Straßen an der Mauer. Nach dem 9. November 1989 lagen Friedrichshain und Mitte auf einmal wieder direkt nebenan. Aus einer Randlage wurde innerhalb kürzester Zeit eine zentrale Lage zwischen Ost und West.
Oranienstraße, Kotti und Wrangelkiez stehen weiterhin für ein Berlin aus Nachtleben, Migration, politischer Kultur, kleinen Läden und improvisierten Ideen. Gleichzeitig gehört Kreuzberg zu den begehrtesten innerstädtischen Wohnlagen der Stadt.
Viele Gründerzeithäuser waren stark vernachlässigt. Gleichzeitig entwickelte sich seit den 1970er-Jahren eine bemerkenswerte Kunst-, Kultur- und Oppositionsszene. Unangepasste, Künstler und kritische Gruppen fanden in den Altbauquartieren Räume für Gegenentwürfe zum offiziellen DDR-Alltag.
Nach dem Mauerfall trafen Ost-Berliner Künstler und alteingesessene Bewohner auf Menschen aus West-Berlin und der internationalen Subkultur. Leerstände wurden genutzt, Clubs und Bars entstanden, Häuser wurden besetzt und neue Lebensformen ausprobiert.
Viele der ehemals maroden Häuser sind saniert. Rund um Kollwitz- und Helmholtzplatz prägen Cafés, Restaurants, kleine Geschäfte und Familien das Bild. Prenzlauer Berg gilt zugleich als eines der bekanntesten Beispiele des tiefgreifenden sozialen Wandels der Berliner Innenstadt.
Nach dem Mauerfall war Berlin für einen kurzen Moment eine Stadt voller Räume, bei denen noch niemand so genau wusste, wem sie morgen gehören würden.
Friedrichshain war ein dicht bebauter Ost-Berliner Wohnbezirk. Viele Altbauten waren in schlechtem Zustand, manche Häuser standen leer oder waren für spätere Abrisse vorgesehen.
Im politischen und rechtlichen Zwischenraum nach dem Mauerfall wurden in Ost-Berlin mehr als hundert Häuser besetzt. Besonders bekannt wurde die Mainzer Straße mit zwölf besetzten Häusern. Ihre Räumung im November 1990 wurde zu einer der großen Zäsuren der Berliner Hausbesetzerbewegung.
Rund um Boxhagener Platz und Simon-Dach-Straße ist Friedrichshain längst international. Bars, Cafés, Restaurants und Clubs prägen das Bild – doch Spuren der alternativen Geschichte des Viertels sind bis heute sichtbar.
Viele historische Höfe und Altbauten waren über Jahrzehnte vernachlässigt. Auch die Hackeschen Höfe verfielen zunehmend, obwohl das Ensemble bereits zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz stand.
Nach der Wiedervereinigung zogen Künstler, Designer, Werkstätten und Kulturprojekte in freie und günstige Räume. Rund um Hackeschen Markt und Auguststraße entwickelte sich eine neue kreative Szene.
Die historischen Höfe sind restauriert, Galerien, Mode, Gastronomie und Geschäfte prägen die Gegend. Aus einem lange vernachlässigten Quartier wurde eines der bekanntesten urbanen Zentren Berlins.
Rund um den Nollendorfplatz existierte bereits während der Weimarer Republik eine sichtbare homosexuelle Szene mit Bars, Tanzlokalen und Treffpunkten. Unter dem Nationalsozialismus wurde diese Kultur brutal zerstört.
Nach dem Krieg entwickelte sich im selben Viertel erneut eine schwul-lesbische Infrastruktur. Kneipen, Buchläden, Geschäfte und Kulturorte machten Schöneberg wieder zu einem wichtigen Treffpunkt der Community.
Der Regenbogenkiez rund um die „Nolle“ gehört bis heute zu den bekanntesten queeren Quartieren Deutschlands. Seine Geschichte reicht damit deutlich weiter zurück als die meisten Berliner Szeneviertel.
Gründerzeitliche Vorderhäuser, Hinterhäuser, Werkstätten, kleine Gewerbebetriebe und Läden prägen den Reuterkiez seit Generationen. Wohnen und Arbeiten lagen hier traditionell eng beieinander.
Während sich Mitte und Prenzlauer Berg schnell veränderten, blieb der Norden Neuköllns zunächst stärker Wohn- und Einwanderungsquartier. Später verlagerte sich ein Teil der kreativen Szene weiter nach Süden.
Rund um Weserstraße, Reuterplatz und Maybachufer treffen alteingesessene Nachbarschaft, internationale Bevölkerung, Cafés, Restaurants, kleine Läden und Nachtleben aufeinander. Der Wandel ist sichtbar – der alte Reuterkiez aber ebenfalls.
Vielleicht ist genau das Berlin: Der Ort bleibt derselbe. Der Kiez wird ein anderer.
Die Antwort ist ziemlich einfach: wahrscheinlich alle.
Das Berlin der Hausbesetzer in Kreuzberg. Das der DDR-Opposition im Prenzlauer Berg. Das kurze anarchische Friedrichshain von 1990. Das wiederentdeckte Mitte. Das queere Schöneberg. Und das widersprüchliche, internationale Neukölln.
Jeder dieser Orte erzählt eine andere Geschichte. Und jeder verändert sich weiter.
Vielleicht ist ein Kiez deshalb gar kein Ort.
Vielleicht ist er der Moment, in dem man merkt: Hier fühlt sich Berlin gerade nach Berlin an.
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