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Sechs Berliner Marken. Fast zwei Jahrhunderte Stadtgeschichte.
Einige Berliner Marken haben Kaiserreich, Goldene Zwanziger, Krieg, Teilung, Wiedervereinigung und den nächsten Neuanfang erlebt. Sie gehören damit nicht nur zur Wirtschaftsgeschichte der Stadt. Ihre Produkte sind kleine Stücke Berlin zum Essen, Trinken und Verschenken.
Einige dieser Traditionsmarken findet ihr auch bei uns.
Die Geschichte von Mampe beginnt mit einer ungewöhnlichen Idee. Der Mediziner Carl Mampe entwickelte im pommerschen Stargard einen Kräuterbitter, der ursprünglich als Mittel gegen die damals grassierende Cholera gedacht war.
1851 kam Mampe nach Berlin – und aus dem medizinisch gedachten Bitter entwickelte sich eine Spirituosenmarke, die über Generationen eng mit der Hauptstadt verbunden blieb.
Mampe wurde zeitweise weit über Berlin hinaus bekannt, verschwand später beinahe vom Markt und kehrte schließlich wieder zurück. Heute entstehen die Spirituosen in Berlin-Kreuzberg. Der weiße Elefant, der die Marke seit vielen Jahrzehnten begleitet, erinnert dabei bis heute an ihre bewegte Vergangenheit.
Kaum eine andere Berliner Genussmarke verbindet so unmittelbar historische Rezepturen, Stadtgeschichte und modernen Manufakturgeist.
Als Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert zur europäischen Metropole heranwuchs, eröffnete Ladislaus Maximilianus Ziemkiewicz 1880 sein Geschäft für Pralinen, Konfekt und Bonbons – ausgerechnet Unter den Linden, einer der prominentesten Adressen der Stadt.
Ziemkiewicz hatte sich zuvor in Paris mit der Herstellung feiner Confiseriewaren beschäftigt. Zurück in Berlin entstand daraus Sawade, heute die älteste Pralinenmanufaktur der Hauptstadt.
Bis heute werden Pralinen und Trüffel in Berlin gefertigt. Viele Rezepturen und handwerkliche Verfahren wurden über Generationen bewahrt, während Gestaltung und Sortiment immer wieder behutsam weiterentwickelt wurden.
Tradition bedeutet hier eben nicht Stillstand: Das Gute bleibt – Berlin drumherum verändert sich.
Auch die Confiserie Reichert gehört zu den bemerkenswerten Überlebenden der Berliner Genussgeschichte. Ihre Tradition reicht bis ins Jahr 1882 zurück.
Damit stammt das Unternehmen aus einer Zeit, in der Kaffeehäuser, Konditoreien und Confiserien zu einem festen Bestandteil des großstädtischen Lebens wurden. Kuchen, Torten, Gebäck und Pralinen waren nicht nur Süßigkeiten – die Cafés waren Treffpunkte.
Diese handwerkliche Konditoreikultur lebt bei Reichert weiter. Noch heute entstehen Torten, Pralinen, Schokoladen und Gebäck in eigener Herstellung. Die Confiserie zählt damit zu den ältesten noch betriebenen Häusern ihrer Art in Berlin.
„Tradition bedeutet nicht Stillstand. Das Gute bleibt – Berlin drumherum verändert sich.“
Berliner Genussgeschichte1912 machte sich der gelernte Konditor Erich Hamann in Berlin selbstständig. Sein Spezialgebiet: ungewöhnlich herbe Schokoladen, bei denen der Geschmack des Kakaos im Mittelpunkt stehen sollte.
Besonders spannend wird die Geschichte 1928. Hamann zog mit seiner Manufaktur in die Brandenburgische Straße 17 in Wilmersdorf. Das dortige Ladengeschäft wurde von Johannes Itten, einem der bedeutenden Vertreter des Bauhauses, gestaltet. Teile dieser historischen Einrichtung sind bis heute erhalten.
Der Zweite Weltkrieg brachte das Unternehmen beinahe zum Erliegen. Geschäfte gingen verloren, Rohstoffe fehlten. Familie und Mitarbeiter bauten die Produktion danach wieder auf.
Und so kann man heute in Berlin nicht nur Schokolade nach überlieferten Rezepturen kaufen – sondern zugleich ein erstaunlich gut erhaltenes Stück Berliner Design- und Unternehmensgeschichte erleben.
Manchmal beginnt eine Traditionsmarke ganz klein. Im Fall von Aseli sogar mit einer weißen Maus.
Alfred Seliger, Sohn eines Konditormeisters, entwickelte eigene Süßwaren und zog zunächst mit einem Bollerwagen durch Berlin, um sie an Geschäfte zu verkaufen.
1921 gründete er schließlich sein eigenes Unternehmen. Aus A. Seli(ger) wurde der Markenname Aseli.
Berühmt wurden vor allem die weißen Schaumzuckermäuse mit ihren farbigen Augen. Und während sich die Süßwarenindustrie seit den Zwanzigerjahren grundlegend verändert hat, arbeitet Aseli bis heute erstaunlich traditionell: Der Schaumzucker wird nach Familienrezepturen hergestellt, gekocht, gespritzt und von Hand dekoriert.
Mehr als hundert Jahre später wird das Berliner Unternehmen bereits in dritter Generation geführt.
Tradition muss nicht immer aus dem Kaiserreich stammen. Auch die Geschichte des geteilten Berlins hat ihre Marken hervorgebracht.
Berliner Pilsner kam 1963 in Ost-Berlin auf den Markt. Von Anfang an gehörte der rote Berliner Bär zum Erscheinungsbild der Marke. Das Bier wurde zu einem festen Bestandteil des Alltags in Berlin und Brandenburg.
1987 feierte Ost-Berlin mit Berliner Pilsner das 750-jährige Stadtjubiläum. Zwei Jahre später fiel die Mauer. Die Marke blieb.
Damit steht Berliner Pilsner für eine ganz andere Form Berliner Tradition: nicht für die kleine Confiserie des 19. Jahrhunderts, sondern für Alltags- und Industriekultur aus der Zeit der DDR – und für eine Marke, die den tiefgreifenden Wandel der Stadt nach 1989 überstanden hat.
Tradition entsteht nicht allein dadurch, dass eine Jahreszahl alt genug ist.
Sie entsteht, wenn Rezepturen weitergegeben werden. Wenn Mitarbeiter Wissen bewahren. Wenn Unternehmen Krisen überstehen, sich verändern und trotzdem etwas von ihrem ursprünglichen Charakter behalten.
Mampe, Sawade, Reichert, Erich Hamann, Aseli und Berliner Pilsner erzählen deshalb ganz unterschiedliche Geschichten.
Gemeinsam zeigen sie aber etwas typisch Berlinerisches: Diese Stadt erfindet sich ständig neu – ohne alles Alte über Bord zu werfen.
Und vielleicht ist genau das der schönste Grund, Berliner Produkte
zu entdecken: Man nimmt nicht nur etwas aus Berlin mit.
Manchmal nimmt man ein kleines Stück seiner Geschichte mit.
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